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15.09.10: Hawkings Feuilleton-Atheismus

Stephen Hawking, britischer Astrophysiker und Autor bekannter Bestseller wie "Eine kurze Geschichte der Zeit" von 1988, legt zusammen mit dem Physiker Leonard Mlodinow nun den "großen Entwurf" vor, der "eine neue Erklärung des Universums" liefern soll. Zum einen glaubt er, der Weltformel (theory of everything) nahe zu sein, zum anderen maßt er sich an, damit die letzten Fragen der Menschheit beantworten zu können. Fundamentale Fragen wie "Warum gibt es etwas und nicht einfach nichts?" waren bisher Gegenstand der Philosophie, die Hawking schon im zweiten Absatz des Buches schlicht für tot erklärt (S. 11). Die Autoren behaupten, "dass es möglich ist, diese Fragen ausschließlich in den Grenzen der Naturwissenschaft und ohne Rekurs auf göttliche Wesen zu beantworten" (S. 168). Damit wird auch der Rückgriff auf Gott als Schöpfer entbehrlich, denn das Universums entsteht spontan aus dem Nichts:




Stephen Hawking: "Es ist nicht nötig, Gott zu bemühen." (Foto: public domain)

"Da es ein Gesetz wie das der Gravitation gibt, kann und wird sich das Universum ... aus dem Nichts erzeugen. Spontane Erzeugung ist der Grund, warum es das Universum gibt, warum es uns gibt. Es ist nicht nötig, Gott als den ersten Beweger zu bemühen, der das Licht entzündet und das Universum in Gang gesetzt hat." (S. 177)



Damit ist Hawkings atheistisches Bekenntnis ausdrücklich geworden, anders als vor 22 Jahren in der "kurzen Geschichte der Zeit", deren letzten Worte noch vom "Plan Gottes" sprachen - gern zitiert und auch von heutigen Zeitungsartikeln noch als Hinweis der möglichen Vereinbarkeit von Naturwissenschaft und Religion gewertet. Ein Sinneswandel Hawkings' also?
Nicht wirklich! Auch ohne Kenntnis des neuen Buches konnte Hans Küng 2005 den Hinweis auf den Plan Gottes kommentieren: "Das war selbstbewusst gedacht und ironisch gemeint. Denn Hawkings Meinung war: Mit einer solchen vereinheitlichten 'Theorie für alles' ... würde die Welt sich selbst erklären und Gott als Schöpfer nicht mehr notwendig sein" (Der Anfang aller Dinge, München 2005, 31). Gut vorweggenommen, was jetzt explizit vorliegt!




Hawking ergänzt damit kosmologisch, was Richard Dawkins evolutionstheoretisch versucht hat: den Schluss von den Naturwissenschaften zur Nichtexistenz Gottes. Dass dies nur mit wissenschaftstheoretischer Ignoranz und Arroganz möglich ist, bezeugen zahlreiche der unten wiedergegebenen Pressebeiträge. Die fundamentalste und gleichzeitig einfache Entgegnung weist Hawking logische Widersprüche nach: "Wie kann etwas sich selbst aus nichts erschaffen? Um wirken zu können, muss dieses 'etwas' ... existieren, denn etwas, was nicht existiert, kann auch nichts bewirken. Andererseits soll dieses 'etwas' ja gerade nicht existieren, sondern aus nichts hervorgehen ... Hawking behauptet also, dass das Universum gleichzeitig und unter der selben Rücksicht existiert und nicht existiert. Das ist ein glatter logischer Widerspruch", so Godehard Brüntrup in der Tagespost vom 14.09. (ausführlicher unten im Pressespiegel).




Godehard Brüntrup: Hawkings Behauptung der Selbsterschaffung des Universums ist eine "kognitive Katastrophe"

Ungeachtet aller Kritik wird das neue Buch - wie bei den anderen "Feuilleton-Athisten" (Johanna Rahner) - dennoch zum Kassenschlager werden können. Hawking hat dafür mit den provokativen Thesen kurz vor der Veröffentlichung einen ähnlichen Beitrag geleistet wie seinerzeit der Schlusssatz mit dem Plan Gottes, der beinahe der Endredaktion zum Opfer gefallen wäre. Beinahe, denn mit der Streichung "hätte ich womöglich die Verkaufszahlen halbiert", weiß der Spiegel Hawking zu zitieren. Die Breitenwirkung (das engl. Original läuft bei amazon.com bereits am 6. Sept. selbst der Belletristik den Rang ab: Platz 1) rechtfertigt denn auch eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Buch, dessen Thesen zahlreiche fundamentale Anknüpfungspunkte für Diskussionen bietet:




Was ist innerwissenschaftlich von der propagierten M-Theorie zu halten? Wie solide und empirisch fundiert sind die Stringtheorien? Wie konkurrenzfähig sind Alternativtheorien?
Inwieweit sind - erkenntnistheoretisch gefragt - die Theorien Konstrukte, inwieweit beschreiben sie "Wirklichkeit"? Was meint Hawkings "modellabhängiger Realismus?"
Wo liegen in wissenschaftstheoretischer Hinsicht die Grenzen naturwissenschaftlicher Modelle - gegen die Anmaßung, Metaphysik durch Physik ersetzen zu können?
Was ist theologisch unter "Schöpfung aus dem Nichts" zu verstehen - im Unterschied zu dem "Nichts", aus dem das Universum spontan entstehen soll und das Hawking wie viele andere vor ihm (z. B. Frank Wilczek, Rolf Ebert, Peter Atkins) mit dem theologischen "Nichts" verwechseln?



Die nachfolgende Presseschau, in der auch Hawking selbst mit der Zusammenfassung seines Buches (2010/09/03: Why God Did Not Create the Universe - The Wall Street Journal) einen guten Einstieg bietet, widmet sich diesen Fragen in unterschiedlicher und kontroverser Weise.




"Der große Entwurf" im Spiegel der Presse

2012/01/08: Stephen Hawkings 70. Geburtstag: Genie auf Augenhöhe mit Albert Einstein - Stephen Hawkings 70. Geburtstag - FOCUS Online - Nachrichten

Stephen Hawking anlässlich seines 70. Geburtstages mit Einstein zu vergleichen und in eine Reihe mit all den Großen zu stellen, die unser heutiges Wissen um den Kosmos geschaffen haben, ist sicher aller Ehren wert. Leider feiert die Laudatio auch den größten Fehlschluss Hawkings, der Schluss von den Naturwissenschaften zur Religion: "Hawking hatte Gott gleichsam abgeschafft". Da sollte man es besser mit Hawkings Freund Sir Martin Rees halten, seines Zeichens Königlicher Astronom und Präsident der Royal Society: "Hawking hat sehr wenig Philosophie und noch weniger Theologie gelesen" und "ich glaube nicht, dass wir seiner Sicht dieser Dinge irgend ein Gewicht beimessen sollten". hhp

2012/01/08 Stephen Hawking wird siebzig: Durch des Himmels prächt'gen Plan - FAZ online

Niemand hat die moderne Physik den Mitmenschen ausdauernder erklärt als der Engländer Stephen Hawking, so die FAZ. Dieser Lehrer und Forscher verkörpere eine noch sehr junge Sorte Denker mit "Neugier, Vernunft, Wahrheitsliebe und Fleiß". Der Artikel nimmt den Geburtstag zum Anlaß eines Abrisses des Kontextes, in dem Hawking arbeitet, und stellt somit eine interessante Ergänzung zum bodenständigeren ZEIT-Artikel dar. -al

2012/01/08 Der Geist, der zu den Sternen reist - ZEIT online

Heute feiert der Astrophysiker Stephen Hawking seinen 70. Geburtstag. Kaum jemand hat die Rätsel des Kosmos wohl besser vermittelt als er, so ZEIT online. Der Artikel befasst sich ein wenig mit dem "Archetypus eines behinderten Genies" und enthält biografische Informationen. Warum sich Hawking stets auch mit der Gottesfrage beschäftigt, dazu findet sich allerdings nicht viel."Ich bin der Ansicht, dass wir alle, nicht nur die theoretischen Physiker, gern wissen wollen, woher wir kommen", so Hawking selbst. -al

2011/05/15: Stephen Hawking: 'There is no heaven; it's a fairy story'

Stephen Hawking legt noch mal nach und geht über sein letztes Buch hinaus. Gott ist nun nicht nur nicht nötig zur Erklärung der Entstehung des Universums; ausdrücklich hält er Himmel und ein Weiterleben nach dem Tod für Märchen. Das Gehirn ist für Hawking ein Computer, der seine Arbeit beendet, wenn seine Komponenten ausfallen. Hawking: "Es gibt kein Weiterleben für kaputte Computer". Weiterleben sei eine "Geschichte für Leute, die Angst vor dem Dunklen haben". Auch die Frage "Warum sind wir hier?" beantwortet er gewohnt reduktionistisch: Weil beim sehr jungen Universum winzige Quantenfluktuationen ... usw. Dass auf Warum-Fragen mehrere Antworten möglich sind, bleibt wieder einmal außen vor. hhp

2010/12/30 Physik aus der Gottesperspektive ZEIT Nr. 1 2011 S.37

Der Artikel klassifiziert Stephen Hawking als "Designer-Physiker", der herausfinden will, wie die Welt im Ganzen funktioniert. Hawking, so der Verfasser, erzählt uns einen Mythos in der Sprache der Physik - obwohl er doch behauptet, die Wissenschaft habe die Mythologie überwunden. Er sei ein Beispiel für Pop-Science, in der es mehr um Wissensvermarktung denn um Inhalte geht. Spräche Hawking in seinen Büchern nur von Physik fände er sicher nicht den Resonanzraum, den er hat. Da hat der Verfasser wohl Recht. Der Artikel befasst sich dann - weiterhin kritisch auf Hawking gerichtet - mit Wissenschaftstheorie und lehnt hier einen Realismus ab, das wäre allerdings sicher einer weiteren Diskussion würdig. - al

2010/12/04: Schöpfung ohne Gott - profil online

Der ausführliche Artikel gibt einen Überblick über kosmologische Theorien und deren Beziehung zum Atheismus. Schwerpunktmäßig werden österreichische Wissenschaftler ins Gespräch einbezogen, Stephen Hawkings jüngste Provokation steht aber im Mittelpunkt. Anders als Dawkins sei Hawking nicht unbedingt atheistisch. Schließlich sei Wissenschaft "etwas grundlegend anderes als Religion" (wenn Hawking das nur auch so sähe!! hhp). Immerhin wird v.a. im Gespräch mit dem Physiker Anton Zeilinger mehr als deutlich, dass Hawking seine Grenzen überschritten hat. Weder sei die Philosophie tot, noch mache die sog. M-Theorie einen Schöpfer überflüssig. hhp

2010/11/23: Stephen Hawking?s Radical Philosophy of Science - Big Questions Online

Michael Shermer, Herausgeber des Magazins "Skeptic", hält endlich die Lösung bereit, wie wir aus der "epistemologischen Falle" herauskommen, dass das Gehirn Realität nicht einfach abbildet, sondern durch Modelle überhaupt erst konstituiert. Er nennt dies "glaubensabhängigen Realismus" und vergleicht dies mit dem "modellabhängigen Realismus" Hawkings. Wir könnten uns also trefflich über unsere Modelle unterhalten, nicht aber über die Realität; schließlich hätten wir ja keinen archimedischen Punkt außerhalb unseres Hirns, von dem aus man Modell mit Realität vergleichen könnte. Soweit d'accord. Nun aber die Überraschung, mit der uns Shermer aus dieser epistemologischen Falle erlöst: die Naturwissenschaft. Schließlich befreie sie uns als intersubjektives Unternehmen von subjektiven Voreingenommenheiten und führe uns dadurch zu größerer "Korrespondenz mit der Realität". Als ob ausgerechnet die methodische Beschränkung auf Objektivität den Schranken der Modelle nicht unterliegt. hhp

2010/10/21: Blaue Wunder und Schwarze Löcher - ein Abend mit Stephen Hawking - Rhein-Zeitung

Ein kleiner, brillant geschriebener Artikel über einen der seltenen öffentlichen Auftritte Hawkings in London. Beschrieben werden weniger die kosmologischen Erkenntnisse oder die vom Moderator des Auftritts entschärften theologischen Kontroversen als vielmehr die Atmosphäre der Vortragshalle und der um "den berühmtesten Behinderten der Welt" zelebrierte Personenkult. Das Verstehen sei dem Publikum nicht wichtig angesichts der Magie des im Körper gefangenen Geistes. Und die Antwort auf die Frage, ob es je eine Weltformel geben werde, sei im lauten Applaus untergegangen. hhp

2010/10/19: Die gottlose Welt des Stephen Hawking - bild der wissenschaft

Die 15-seitige Titelstory der Novemberausgabe der "bild der wissenschaft" schrieb Hawking-Kenner Rüdiger Vaas: Vielversprechende Lektüre. Vaas rezensiert den neuen Hawking wohlwollend, aber nicht unkritisch. So heißt es: Die Todeserklärung der Philosophie "ist keine Feststellung, sondern Provokation" (49); Hawkings Gottesbild sei einseitig (52); das Universum könne nicht aus dem absoluten Nichts entstehen (53) und: "Sicherlich können Hawking und Mlodinow die Existenz Gottes nicht ausschließen" (52). Fair von Vaas, dem als Beiratsmitglied der Giordano Bruno Stiftung nicht unbedingt theologische Apologetik unterstellt werden kann. Interessante Beigaben: Co-Autor Mlodinow wird aus dem Schatten Hawkings geholt und gewürdigt, gleichzeitig der Verdacht zerstreut, er sei Hawkings Ghostwriter. Markus Pössel wird als Fachlektor der deutschen Ausgabe vorgestellt - auch er sieht Hawking nicht unkritisch. hhp

2010/09/27: Martin Rees: 'We shouldn't attach any weight to what Hawking says about god' - Profiles - Independent.co.uk

Der Artikel stellt Sir Martin Rees vor, Königlicher Astronom und Präsident der Royal Society. Seine Selbstbezeichnung als "technologischer Optimist aber politischer Pessimist" zeigt sich in seinen kürzlichen Äußerungen zu Außerirdischen, Klimawandel, Überbevölkerung, Wissenschaft als 'organisierter Skeptizismus' und zum britischen Schulsystem. Von seinem Freund Hawking, den er seit 40 Jahren kennt, unterscheidet sich Rees zum einen im Blick auf Umweltfragen. Zum anderen kritisiert er scharf dessen Kommentare zur Überflüssigkeit Gottes. "Hawking hat sehr wenig Philosophie und noch weniger Theologie gelesen" und "ich glaube nicht, dass wir seiner Sicht dieser Dinge irgend ein Gewicht beimessen sollten". Anders als viele seiner Kollegen der Royal Society ist Rees kein militanter Atheist. Rees - von Dawkins herablassend als "gefälliger Kollaborateur" bezeichnet - unterstützt eine "friedliche Co-Existenz von Religion und Naturwissenschaft, da beide unterschiedliche Domänen betreffen". hhp

2010/09/24: Stephen Hawking: Der große Entwurf - Das Geheimnis des Seins - Süddeutsche

Laut tönt der Aufmacher, Hawking habe "die Existenz Gottes widerlegt". Das wird genauso wenig kritisch hinterfragt wie Hawkings Todeserklärung der Philosophie, obwohl der Autor weiß, dass man "solchen Atem sonst nur aus Bekehrungstexten" kennt. Was den Rezensenten Ralf Bönt offensichtlich am meisten beeindruckt, ist die literarische Brillanz von Hawking und co. So nimmt er es hin, dass der "große Entwurf" nicht gerade den neuesten Stand der Physik enthält und man nach der Lektüre die sog. M-Theorie nicht wirklich verstanden haben dürfte. Ansonsten liest sich der Artikel wie eine kurze Geschichte der Physik und ihrer Suche nach fortschreitender Integration zur Weltformel. Wie beim rezensierten Buch so liegt auch die Stärke des Artikels nicht auf der Philosophie, sondern ebenfalls in der brillanten Schreibe. hhp

2010/09/15: Science, belief and the question of proof - ABC Religion & Ethics - Opinion

Alister McGrath, ehemaliger Atheist, jetzt Theologe und bekannter Kritiker Richard Dawkins', hinterfragt die Beweiskraft der modernen Wissenschaft, die von militanten Atheisten wie Dawkins gern gegen den Glauben und dessen vermeintlich "totale Abwesenheit unterstützender Evidenzen" ins Feld geführt wird. Wie stark sind denn demgegenüber die "wissenschaftlichen Beweise"? Streng genommen könne man von Beweisen nur in der Logik und Mathematik sprechen. Sicher gebe es Sachverhalte, die bewiesen sind, wie die Formel für Wasser etc. Aber auf die großen wissenschaftlichen Fragen wie die nach dem Ursprung des Universums oder einer Großen vereinigten Theorie mag es gute, aber keine letzten Antworten geben. So gibt es bei der Entscheidung für ein Universum oder Multiversum durchaus keine zwingende Evidenz, und Hawking mag an seine Theorie glauben, aber das sei "Lichtjahre von dem simplistischen Slogan 'Wissenschaft hat Gott widerlegt' entfernt". Darwin war da wissenschaftstheoretisch weiter. hhp

2010/09/15: Warum Stephen Hawking Gott für überflüssig hält - Der Tagesspiegel

Das Spezifische dieses Beitrags von Th. de Padova ist der Vergleich Hawking / Penrose, die beide über schwarze Löcher geforscht die heutige Deutung der Relativitätstheorie geprägt haben. Unterschiede zwischen beiden gehen von der Deutung der Quantenphysik aus und zeigen sich auch in der Bewertung der sog. M-Theorie, Hawkings Kanditat für die 'Weltformel' und die Überflüssigkeit Gottes. Penrose kann diesem Anspruch jedoch nicht folgen: "Für die M-Theorie gibt es bisher überhaupt keine Stütze durch Beobachtung", so zitiert de Padova Penrose. Darüber hinaus zweifelt de Padova daran, dass die M-Theorie selbst den Hawking-eigenen Kriterien für ein gutes Modell genügen kann. hhp

2010/09/14: Logik im schwarzen Loch - Die Tagespost - Kommentar im Kulturteil S. 10

Hawkings Behauptung der Selbsterschaffung des Universums (z.B. S.177) ist in den Worten von G. Brüntrup "eine kognitive Katastrophe". Brüntrups Hauptargumentation: "Wie kann etwas sich selbst aus nichts erschaffen? Um wirken zu können, muss dieses 'etwas' ... existieren, denn etwas, was nicht existiert, kann auch nichts bewirken. Andererseits soll dieses 'etwas' ja gerade nicht existieren, sondern aus nichts hervorgehen ... Hawking behauptet also, dass das Universum gleichzeitig und unter der selben Rücksicht existiert und nicht existiert. Das ist ein glatter logischer Widerspruch. ... Aus einem Widerspruch folgt in der Logik bekanntlich alles. Aus seiner widersprüchlichen These kann Hawking folgern, dass Gott nicht existiert, er kann aber auch das Gegenteil daraus folgern, dass Gott existiert. Er kann sogar daraus folgern, dass Angela Merkel eine Primzahl ist. Aus einem Widerspruch folgt eben alles - und daher letztlich nichts." (Originalzitate mit freundl. Genehmigung des Autors) hhp

2010/09/10: Stephen Hawking Asks, What Is Reality? - Time

In einem exklusiven Exzerpt seines neuen Buches (v.a. Kap. 3, Was ist Wirklichkeit?), reflektiert Stephen Hawking höchstselbst die Grenzen der Modelle zur Erklärung des Universums. Für Hawking gibt es verschiedene Bilder der Wirklichkeit, die sich weniger durch Wahrheit voneinander unterscheiden als vielmehr z. B. durch Einfachheit. So ist die Mathematik des Kopenikanischen Weltbildes einfacher als die des Ptolemäus. Zentrale Schlussfolgerung: "Es gibt keinen abbild- oder theorieunabhängigen Realitätsbegriff" (vgl. Buch S. 42), weshalb Hawking einen "modellabhängigen Realismus" vertritt. Danach besteht eine physikalische Theorie oder ein physikalisches Weltbild aus einem i.a. mathematischen Modell und Regeln, die Modellelemente mit Beobachtungen verbinden. Im Blick auf die Gesetze, die unser Universums regieren, vermutet Hawking, dass ein einzelnes mathematisches Modell zur Beschreibung aller Aspekte des Universums nicht ausreicht, sondern nur ein ganzes Netzwerk von Theorien. hhp

2010/09/10: Zehn hoch fünfhundert . . . - DiePresse.com

Rudolf Taschner, Mathematiker und Wissenschaftler des Jahres 2004, geht zunächst kritisch an die naturwissenschaftlichen Grundlagen des neuen Hawking-Buches heran. Die sog. M-Theorie sei "ein höchst spekulatives Konzept", und die benötigten 10 hoch 500 Universen, die sich permanent noch vervielfachen, lieferten unfassbare Zahlengiganten. Als Mathematiker weiß Taschner genauso wie Hawking, wovon er spricht, und urteilt: "Astrologie, Vogel- und Eingeweideschau sind im Vergleich zu solchem Irrwitz seriös". Noch unseriöser erscheinen Taschner Hawkings theologische Deutungen. Diese seien nicht ernsthaft zu diskutieren, dienten sie doch "allein der Vermarktung". hhp

2010/09/06: Ein Universum, das sich selbst erschafft - Stuttgarter Zeitung online

Bei der Zusammenfassung der Hauptthesen des neuen Hawking-Buches legt der Artikel von Rainer Klüting einen Schwerpunkt auf Hawkings erkenntnistheoretische Ausgangsbasis, den "Modellabhängigen Realismus". Gegen einen naiven Realismus, der meint, die Wirklichkeit als solche abbilden zu können, solle man sich mit Hawking damit abfinden, "nur ein Modell der Welt im Kopf zu haben". Als erkenntnistheoretische Bescheidenheit (dahin tendiert Klüting) ist das Hawkingsche Projekt jedoch falsch etikettiert. Leicht hätte man in dem Modelldenken auch andere als naturwissenschaftliche Modelle respektieren können. Nicht so bei Hawking, der die Philosophie als tot erklärt (womit Klüting ja einsteigt) und den Naturwissenschaften nun die letzten Fragen des Menschen zur Lösung überlässt - ganz so, als ob das naturwissenschaftliche Modell doch das ganze der Wirklichkeit abbildet. hhp

2010/09/08: Wunderbare Welt - Stephen Hawking spielt Schöpfer - NZZ

Wenn der Autor Uwe Justus Wenzel schreibt, dass "der Physiker und Mathematiker mit Gott persönlich in Konkurrenz" tritt, widmet er sich einer theoretischen Konsequenz, die man in anderen Beiträgen nicht findet. Gemeint ist, dass Hawkings Theorie nicht nur ohne Schöpfer auskommt, sondern dass sie dem Menschen Schöpfungskräfte zuschreibt: "Ein gutes Modell ... schaffe seine eigene Realität", paraphrasiert Wenzel. Dies betrifft nicht nur die Zukunft, sondern - kontraintuitiv - auch die Vergangenheit. Im O-Ton Hawking liest sich dies so: "Nicht die Geschichte macht uns, sondern wir machen Geschichte durch unsere Beobachtung" (140). Um das wirklich zu verstehen, reicht Wenzels Artikel nicht aus. Vielleicht nicht einmal "Der große Entwurf" Hawkings. hhp

2010/09/06: "Wir haben keine experimentellen Beweise" - Stuttgarter Zeitung online

Die Behauptungen Hawkings sind nicht nur philosophisch-theologisch fragwürdig, sondern auch naturwissenschaftlich hoch spekulativ, wie das vorliegende Gespräch mit Stefan Fredenhagen vom MPI für Gravitationsphysik zeigt. Zwar sei die Stringtheorie in der community verbreiteter und die M-Theorie, Hawkings Stein der Weisen, integriere in der Tat die bisherigen Stringtheorien, aber es gebe auch durchaus Alternativtheorien. Allen sei jedoch gemeinsam, dass es "keinerlei experimentelle Hinweise" darauf gebe, inwieweit mit den Theorien (M-Theorie inklusive) tatsächlich die Welt richtig beschrieben werde. hhp

2010/09/05: Kein Platz für Gott im Universum? - Welt online

Auch wenn der Untertitel vom "genialen Physiker Stephen Hawking" spricht, sieht der Autor Norbert Lossau die provozierenden Zitate kurz vor Erscheinen des Buches eher kritsch und als Marketing-Strategie. Sie verletzten den wissenschaftstheoretisch gebotenen Respekt vor Andersdenkenden, indem sie besserwisserisch zu beweisen versuchen, was nicht zu beweisen ist. Da Hawking selbst früher einmal anders gedacht und "Anzeichen für das Wirken eines Gottes" gesehen habe, sei eine religiöse Position doch wohl gleichermaßen denkbar. Gegen diese Argumentation Lossaus spricht allerdings, dass das religiöse Zugeständnis seinerzeit offensichtlich nicht ernst gemeint war, sondern ebenfalls ein Marketing-Trick (siehe die Besprechungen der Artikel der Badischen Zeitung und des Spiegels; s. unten). hhp

2010/09/03: Professor John Lennox: As a scientist I'm certain Stephen Hawking is wrong - Mail online

"Hawkings Behauptungen sind töricht!" Zu diesem Schluss komm der Mathematiker John Lennox, bekannter und in evangelikalen Kreisen gern zitierter Widerpart atheistischer Positionen. Er kritisiert v.a., dass Hawking vor die Alternative stellt, entweder auf Gott oder auf die Gesetze der Physik zu setzen, als stünden beide notwendig in Konflikt. Hawking verwechsle Gesetz und Agent - ein typischer Kategorienfehler. Genauso wenig setzen Newtons Bewegungsgesetze allein eine Billardkugel in Gang, dazu braucht es schon einen Spieler-Agenten. Die weitere Kritik macht sich an der vorausgesetzten Gravitation fest: Woher stammt diese? Für Lennox dagegen verstärkt die Schönheit der wissenschaftlichen Gesetze den Glauben an eine intelligente, kreative Macht. hhp

2010/09/06: Hawking: "Wir werden zu den Herren der Schöpfung" - DiePresse.com

Den "großen Entwurf" Hawkings versteht der Autor Thomas Kramar eher als "verwegene Lösung" und der gigantischen Vermehrung der Multiversen sollte man mit Ockhams Rasiermesser, das nur notwendige Theorien gelten lässt, zu Leibe rücken. Hawking habe die Naturwissenschaft bei der Suche nach dem großen Entwurf längst verlassen und betätige sich "in Wahrheit längst als Theologe". Mit dieser Beurteilung dürften sich weder Theologen anfreunden, noch - aus anderen Gründen - Hawking, der die großen Fragen "ausschließlich in den Grenzen der Naturwissenschaft und ohne Rekurs auf göttliche Wesen" für beantwortbar hält. hhp

2010/09/07: Kommentare: Hawking versus Gott - badische-zeitung.de

Die Badische Zeitung stellt die Kontroverse um das neue Buch Hawkings' in den Kontext der in Großbritanien brodelnden Glaubensdebatte und zitiert kritische Kommentare christlicher, jüdischer und muslimischer Provenienz. Anders als andere Zeitungsberichte, die in früheren Büchern Hawkings' noch eine Vereinbarkeit von Naturwissenschaft und Religion herauslasen, stellt der Autor klar, dass Hawking auch seinerzeit atheistisch dachte. Der viel zitierte Schlusssatz des Bestsellers von 1988 über den "Plan Gottes" habe eher metaphorischen Charakter. Ähnlich hatte 2005 Hans Küng diesen Schluss als ironisch bezeichnet, denn mit Hawkings "Theorie für alles ... würde die Welt sich selbst erklären und Gott als Schöpfer nicht mehr notwendig sein" (Der Anfang aller Dinge, 31). Genau das ist mit Hawkings neuem Buch explizit geworden! hhp

2010/09/05: Religious leaders, scientists, respond to Hawking's 'no God' claim - Independent Catholic News

Die Seite stellt kritische Reaktionen auf Hawkings neues Buch zusammen. Im Zentrum steht die behauptete Selbstschöpfung des Universums aus Nichts. In dieses vermeintliche "Nichts" sei jedoch bei Hawking irgendwie die Gravitation involviert. Er erkläre also allenfalls, wie etwas aus etwas Bestehendem emergiere, nicht aber aus nichts. Entsprechend defizient sei das Gottesbild, dem Hawking die Schöpferkraft abspreche, das aber mit dem christlichen Gott nichts zu tun habe: "Gott ist nicht einfach eine weitere Kraft im Universum, neben Gravitation und Elektrizität." hhp

2010/09/06: Hawking book explains creation of universe minus God - USATODAY

Interessant: Neben Einblicken in das neue Hawking-Buch (Intelligent Design ist schlecht, Stringtheorie gut, Philosophie tot), kommt auch der Co-Autor Leonard Mlodinow zu Wort: "Wir sagen nicht, es gäbe keinen Gott; wir sagen, dass wir Gott zur Erklärung des Universums nicht benötigen ... Die Perspektive des Buches ist eine naturwissenschaftliche". Die vermeintliche perspektivische Beschränkung und Selbstbescheidenheit steht allerdings in krassem Gegensatz zu dem vollmundigen Anspruch der im ersten Buchkapitel erhoben wird: Hier will die Naturwissenschaft (als Nachfolgerin der verstorbenen Philosophie; S. 11) nicht weniger als "Antworten auf die Schöpfungsfrage geben" und "die letztgültige Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest" beantworten - inklusive der Frage: "Warum gibt es etwas und nicht einfach nichts?" (S. 15) Von perspektivischer Beschränkung und Selbstbescheidenheit keine Spur! hhp

2010/09/04: Stephen Hawking's big bang gaps - guardian

"Ja, aber", sagt der renommierte Physiker Paul Davies zu Stephen Hawkings neuem Buch. Einerseits stimmte er Hawking zu in der Ablehnung einer Erklärungslücke "vor" dem Urknall, die dann von einem göttlichen Designer ausgefüllt wird. Zu Recht weist Davis darauf hin, dass dieser Lückenbüßergott nicht der Gott der modernen Theologie, ja auch nicht der Theologie eines Augustinus ist. Andererseits sieht Davies in der Multiversumstheorie, die er mit Hawking als favorisierte Sichtweise anerkennt, nicht die ultimative Allerklärung. Damit Multiversen entstehen können, muss es ewige, unveränderliche, transzendente "Meta-Gesetze" geben, die die Multiversen durchdringen. Die Meta-Gesetze erklären, bleiben aber selbst unerklärt. "In dieser Hinsicht haben die Meta-Gesetze einen ähnlichen Status wie ein unerklärter, transzendenter Gott" - so Davies. hhp

2010/09/02: Entstehung des Alls: Hawking hält Schöpfergott für überflüssig - Spiegel online

Der Spalt, den Stephen Hawking in seiner Gedankenwelt von 1988 für Religion offen ließ, hatte eher verkaufsstrategische Gründe. Der gern zitierte letzte Satz mit dem "Plan Gottes" wäre fast der Endredaktion zum Opfer gefallen, aber dann "hätte ich womöglich die Verkaufszahlen halbiert". So bestätigt der Spiegel - unterstützt durch Ex-Frau Jane -, dass Hawkings schon immer Atheist war und theologisch nicht vereinnahmt werden kann. Hans Küng hat dies schon 2005 vermutet, wenn er den berühmten Schlusssatz als ironisch bezeichnete, denn mit Hawkings "Theorie für alles ... würde die Welt sich selbst erklären und Gott als Schöpfer nicht mehr notwendig sein" (Der Anfang aller Dinge, 31). Das neue Buch bestätigt Küngs Vermutung ausdrücklich. hhp

2010/09/02: Stephen Hawking: God did not create Universe - BBC News

"Es gibt keinen Platz für Gott in den Theorien über die Erschaffung des Universums" zitieren die BBC News Stephen Hawking zu seinem neuen Buch. Statt dessen setze Hawking auf spontane Selbsterzeugung. Gut, dass der kurze Beitrag mit dem Hinweis von Bischof Rayfield endet, Glaube und Gott stünden jenseits der Naturwissenschaft: Wissenschaft könne Gott weder beweisen noch widerlegen. hhp

2010/09/03: Why God Did Not Create the Universe - The Wall Street Journal

Kernbestand der "soliden wissenschaftlichen Erklärung der Weltentstehung" ohne Gott ist in Stephen Hawkings Artikel das anthropische Prinzip, wonach es eines ganz besonderen Ortes im Sonnensystem bedurfte, damit Leben entstehen konnte; mehr noch: Es bedurfte einer ausgeklügelten Feinabstimmung des Universums. Wer hinter "ausgeklügelt" einen göttlichen Designer vermutet, wird aber enttäuscht. Die Feinabstimmung mag noch so unwahrscheinlich sein: Wenn es genügend Universen gibt (übrigens durch spontane Entstehung aus dem Nichts), wird die geeignete Feinabstimmung wahrscheinlich. Es bleiben Fragen an Hawking: Ist die Idee dieser Multiversen tatsächlich eine Konsequenz naturwissenschaftlicher Theorien oder eher eine Spekulation? Ist Hawkings "nichts", aus dem etwas spontan enstehen soll, identisch mit dem philosophisch-theologischen "nichts"? Schließlich: Dass Gott in der Kosmologie nicht vorkommt, verwundert kaum, sondern spiegelt nur den methodischen Verzicht der Naturwissenschaft. hhp

2010/09/02 Physiker Hawking: Kein Gott nötig für Universum - evangelisch.de

Auch evangelisch.de berichtet von der bevorstehenden Neuerscheinung Hawkings. Spontane Schöpfung sei der Grund, warum es statt dem Nichts doch etwas gibt, warum das Universum existiert, warum wir existieren. Es sei nicht nötig, zur Erklärung eine Hand Gottes mit ins Spiel zu bringen. Das stimmt natürlich, doch das Urteil darüber bleibt eine metaphysische Frage, in der Atheisten und Gläubige naturgemäß unterschiedlich urteilen werden. Ein naturwissenschaftliches Urteil über den Anfang aller Dinge wird kaum möglich sein. - al

2010/09/02: Stephen Hawking says universe not created by God - The Guardian

In seinem neuen Buch "The Grand Design", das am 9.9.10 veröffentlicht wird (Leseprobe lag heute The Times bei), stellt Stephen Hawking fest, dass Gott nicht für die Schaffung des Universums nötig gewesen sei, sondern die Naturgesetze wie die Schwerkraft, dafür gesorgt hätten, dass wir existieren. Er verweist auf die M-Theorie, die seiner Meinung nach die alles vereinende Theorie ist, auf die Einstein gehofft hatte. Die Tatsache, dass die Menschen nun so nah dran sind, die Gesetze, die uns und das Universum regulieren, zu verstehen, sei ein großer Triumph. Das neue Buch zeigt Hawkings veränderte Einstellung; Noch in seinem letzten Buch (Eine kurze Geschichte der Zeit, 1988) stellte er fest: "Warum existiert das Universum, warum existieren wir? Wenn wir die Antwort darauf finden, wäre das der ultimative Triumph des menschlichen Verstandes. Denn dann würden wir die Gedanken Gottes kennen!" sh




Zur Vertiefung

20.10.10: Physiker Audretsch zu Hawking Der Physiker Jürgen Audretsch kann Stephen Hawkings "Der große Entwurf" nicht empfehlen: "Es ist ein Verwirrbuch und man kann der Argumentation nicht folgen". Im Interview begründet Audretsch sein Urteil ausführlich.

Gottlos glücklich? Wie neu ist der "Neue Atheismus" eigentlich? Wie überzeugend sind seine Argumente? Welche Auswirkungen hat er tatsächlich? Aber auch: Was hat der Glaube, was der Atheismus nicht hat?

Naturwissenschaftlicher Atheismus? Bei der Veranstaltung "Muss der 'wahre' Naturwissenschaftler Atheist sein?" wird das Verhältnis von Glaube und Wissen kontrovers diskutiert.

Herausforderung Naturalismus Godehard Brüntrup SJ, München, über scheinbare und echte Konflikte zwischen Naturalismus und Theologie

05.08.10: Verborgene Natur und verborgener Gott Der Naturwissenschaftler steht letztlich vor der verborgenen Natur, der Theologe vor dem verborgenen Gott. Haben beide Erkenntnisweisen eine analoge Struktur, sind die verborgenen "Wirklichkeiten" gar ontologisch verwandt? Eine Tagungsdokumentation.








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